Autor: Marcel Peithmann

Das Ende der Unschuldsvermutung

Kürzlich sah sich der deutsche Comedian Luke Mockridge mit der öffentlichen Behauptung seitens einer Ex-Partnerin konfrontiert, er habe sich während der Beziehung ihr gegenüber körperlich übergriffig verhalten. Erwartbar wäre als Reaktion die Anregung gewesen, den Vorwürfen nachzugehen, auch wenn der gegenüber dem Sender Sat.1 geäußerte Wunsch, dieser möge mögliche Straftaten aufklären, eine völlige Unkenntnis des Rechtssystems belegt. In den sozialen Medien wurden allerdings Stimmen laut, sein Arbeitgeber solle ihn umgehend entlassen. Mit #KonsequenzenfuerLuke entstand ein eigenes Hashtag, mit dem der Sender massiv unter Druck gesetzt wurde. Das Online-Scherbengericht hatte sein Urteil gefällt. Der Sender reagierte mit einer Stellungnahme, in der es hieß, es gebe „aus guten Gründen“ kein Verfahren gegen den Künstler und man hielte es für eine moderne Form der Lynchjustiz, jemanden aufgrund von Gerüchten an den Pranger zu stellen. Das sei nicht mit dem eigenen Rechtsverständnis vereinbar. Diese Worte überraschten in ihrer Deutlichkeit. Im aktuellen Klima reichen oftmals bloße Behauptungen, damit eine Institution einknickt. Auch die „Spiegel“-Kolumnistin Margarete Stokowski beschäftigte sich in einem Beitrag unter anderem mit diesem Fall: „Wer erklärt, dass eine …

Schon von „BPoC“ gehört?

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Entwicklungen und Debatten, die in den sozialen Medien entstehen, ihren Weg in die Gesellschaft finden. Es wurde ebenso offenbar, dass bisher vor allem Populisten, Radikale und Extremisten diese Plattform für sich zu nutzen verstehen. Ihr Erfolg ist auch dadurch zu erklären, dass moderate Diskutanten vom destruktiven Diskussionsstil abgestoßen sind und sich zurückziehen. So bleibt vieles nicht nur unwidersprochen, sondern auch unbemerkt. In letzter Zeit liest man häufiger, nun sei es langsam genug mit der Berichterstattung über Identitätspolitik. Dabei wird verkannt, dass diese Debatte gerade erst beginnt. In den letzten Jahren konnte sich in Teilen der öffentlich-rechtlichen Medien, der Universitäten und der Nichtregierungsorganisationen eine intellektuelle Subkultur etablieren, die die Errungenschaften der Aufklärung und auch gesellschaftliche Übereinkünfte durch Gruppendenken zu ersetzen versucht. Das Grundgesetz sowie staatsbürgerliche Rechte und Pflichten, die für jeden gelten, werden immer häufiger infrage gestellt. Forderungen nach einer besonderen Behandlung auf Basis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe werden mit wachsender Aggressivität gestellt. Weitgehend ohne Wissen der Öffentlichkeit wurden intransparente Strukturen geschaffen, die nicht selten staatlich finanziert …

Kunst, die nicht mehr stören darf, wird irrelevant

Vor einigen Wochen entstand auf Twitter eine Diskussion über das Drehbuch eines „Tatort“-Krimis. Die Handlung in Kürze: Ein junger Mann, der sich gegen Rechtsextremismus engagiert, wird umgebracht. Weil er aufgrund seines Engagements von Neonazis bedroht wurde, geraten diese zuerst ins Visier der Ermittler. Schließlich stellt sich jedoch heraus, dass der Mord von der Mutter der Freundin des Opfers begangen wurde. Ein reichweitenstarker Twitter-Account störte sich an der Tatsache, dass die Verdächtigten nicht die Täter waren. Zahlreiche Nutzer äußerten sich zustimmend, und so nahm die Entrüstung ihren Lauf. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen trivialen Vorfall. Doch dieser Eindruck täuscht. Dass Rechtsextremismus emotional diskutiert wird, ist nachvollziehbar. Es liegt allerdings in der Natur des Kriminalfilms, dass er eine unerwartete Auflösung hat. Die Empörung darüber, dass eine solche Auflösung einmal nicht dem eigenen Weltbild entspricht, befremdet. Abgesehen davon, dass der im Zuge der Debatte erhobene Vorwurf, eine solche Handlung verharmlose Rechtsextremismus, absurd ist: Wie kommt es zu dem Irrtum, das Drehbuch einer fiktiven Geschichte müsse mit den eigenen Anschauungen harmonieren? Die sozialen Medien ermöglichen heute jedem, …

Florian Schneider-Esleben

Der Mitbegründer von Kraftwerk ist tot. Die Bedeutung dieses Satzes geht weit über seine Länge hinaus. Zu beschreiben, was dieser Mann alles an Entwicklungen angestoßen hat, ist in einem Artikel nicht in den Griff zu bekommen. Ganze Bücher wurden darüber verfasst. Die Liste an Musikern, die ihn bzw. Kraftwerk als ihre Vorbilder angeben, ist endlos lang. Geboren 1947 als Sohn des seinerseits sehr bekannten Architekten der Nachkriegsmoderne Paul Schneider-Esleben, wuchs er in gutsituierten Verhältnissen auf und konnte sich seiner Leidenschaft, der Musik, widmen. So lernte er Geige, Gitarre und Querflöte zu spielen. Letztere studierte er zehn Jahre lang an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf. Im Jahr 1968 gründete er zusammen mit Ralf Hütter die Band „Organisation“. 1970 wurde neben der Eröffnung des Kling-Klang Studios auch Kraftwerk gegründet. Waren die ersten drei Alben noch verhältnismäßig traditionell geprägt, wurde 1974 mit dem Album „Autobahn“ die Wende zum Elektropop vollzogen. 1975 stieß Karl Bartos dazu und komplettierte die klassische Besetzung. Der Rest ist Geschichte. Seit 2008 trat er nicht mehr mit Kraftwerk auf, im Jahr 2009 gab …

DIIV

Meine Reise zu DIIV begann mit den Dum Dum Girls. Auf diese stieß ich 2008 im Rahmen der Konzeption meiner damaligen Radiosendung. Sie sprachen mich gleich an, weil sie alles vereinten, was ich mag: Hallige, lärmige Jangle-Gitarren, gute Melodien und insgesamt viele Referenzen auf Lieblingsbands. Über die Dum Dum Girls war der Weg dann nicht mehr weit zu den Beach Fossils, die ebenfalls Stammgäste in der Sendung wurden. Ein wichtiges Bandmitglied war damals noch Zachary Cole Smith, der schließlich 2011 DIIV gründete. Diese Band bringt bringt alles zusammen, was die vorher Erwähnten bereits richtig gemacht haben. Leider hatte ich es bisher nicht geschafft, sie live zu sehen. Das Konzert im Festsaal Kreuzberg war bereits lange ausverkauft, was unter Anderem daran gelegen haben mag, dass es die erste Tournee der Band nach der krankheitsbedingten Pause war. Die Vorgruppe Chastity, genau wie DIIV auf dem Label Captured Tracks zuhause, bot mit sperrigen Songs, die teilweise im Hardcorebereich angesiedelt waren, Schwerverdauliches zum Einstieg. Das Publikum war trotzdem begeistert. Mir fiel auf, dass der Sänger bei den Schrei-Teilen wie …

Andrew Weatherall

Gestern hat die Musikwelt mit Andrew Weatherall einen wichtigen Kopf verloren. Wie sein Management mitteilte, war die Todesursache eine Lungenembolie. Sechsundfünfzig ist echt zu früh. Die Nachricht löste genreübergreifend einen Schock aus. Von Tim Burgess (The Charlatans) über Gilles Peterson (Ehemals Acid Jazz/Talkin‘ Loud, jetzt Brownswood/Worldwide FM), James Lavelle (Ehemals Mo‘ Wax, jetzt UNKLE), die Happy Mondays und Irvine Welsh (Schriftsteller), bekundeten zahlreiche Persönlichkeiten ihre Trauer. Genreübergreifend ist auch das Stichwort. Weatherall war ein früher Brückenbauer zwischen Elektronik und Gitarre. Ende der 80er Jahre gründete er das Fanzine „Boy’s Own“ und arbeitete als DJ an der wachsenden Popularität von Acid House mit, bevor er sich selbst ins Studio begab. Seine erste Produktion war 1990 die Zusammenarbeit mit dem nicht minder legendären Paul Oakenfold für den Happy Mondays „Halleluja“-Remix. Damit leistete er einen der wichtigsten Beiträge zum Madchester-Hype. In diesem Zusammenhang wurde auch ich dieses Namens zum ersten Mal gewahr. In ebendiesem Jahr schien die Stimmung gut zu sein, denn mit dem Remix des My Bloody Valentine-Songs „Soon“ kreierte er gleich einen weiteren Klassiker, der nicht …

Strom – Festival für elektronische Musik

Wenn ich eine Liste meiner wichtigsten Alben der 90er Jahre erstellen müsste, würde sie die Platten von Kruder & Dorfmeister enthalten. Sie gehören fest zu meinem persönlichen Soundtrack dieses Jahrzehnts. Zum Auftritt anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Duos im April 2019 passte es leider zeitlich nicht. Deshalb sorgte die Nachricht, dass Kruder & Dorfmeister im Rahmen des Strom-Festivals in der Philharmonie auftreten, für große Freude. Die Räumlichkeiten der Philharmonie waren mir vorher nur in Zusammenhang mit klassischer Musik bekannt, weshalb ich sehr gespannt war, wie Elektronisches dort funktioneren würde. Da sich meine Vorliebe für diese Art der Musik sehr selektiv auf ganz bestimmte Genres beschränkt, sagten mir die restlichen Künstler, nur teilweise etwas. Ich stellte mich also auf drei Vorgruppen für Kruder & Dorfmeister ein. Ein peinlicher Irrtum, wie ich im Nachhinein offen zugebe. Schon beim Betreten der ausverkauften Philharmonie merkte ich, dass hier gleichzeitig nichts und alles zusammenpasste. Don’t DJ sorgte im Foyer bereits für entspannte Klänge, als ich der Gardeobendame meine Jacke aushändigte. Hinter ihm begleitende Visuals von Marco C. Während die Laune …

Ride

Monatelang hatte ich mich auf diesen Abend gefreut und mich trotz der Tatsache, dass ich Konzerte an einem Sonntag aus verschiedenen Gründen suboptimal finde, auf den Weg ins Lido gemacht. Ride waren, neben My Bloody Valentine und einigen Anderen, seit den späten 80er Jahren stilprägend für das Genre „Shoegaze“. Der Name bezieht sich darauf, dass die Musiker (welche in Wirklichkeit auf ihre Effektboards sahen) wirkten, als starrten sie auf ihre Schuhe. Die Gruppe gehört wegen ihrer poppigen Interpretation des Stils, welchen sie als Label immer ablehnten, in Kombination mit Einflüssen aus den 60er Jahren zu meinen absoluten Lieblingsbands. Die ersten beiden Alben „Nowhere“ und „Going Blank Again“ höre ich bis heute regelmäßig. Das Durchschnittsalter des Publikums passte zu der Tatsache, dass die Hochphase der Band bereits dreißig Jahre zurückliegt. Aufgrund der eigenen Zugehörigkeit zu dieser Gruppe bleibt das weiter unkommentiert. Auch die Band ist nicht jünger geworden, was sich allerdings nur optisch und nicht musikalisch bemerkbar macht. Die vier Musiker wirkten trotz bereits einiger zurückliegender Auftritte auf der Tournee hochmotiviert und hatten sichtlich Spaß an …